Home / Blog / Die unbequeme Wahrheit über Unternehmensnachfolge

Die unbequeme Wahrheit über Unternehmensnachfolge

Jedes Jahr stehen laut IfM Bonn rund 38.000 Familienunternehmen in Deutschland vor einer Übergabe. Viele finden keinen Nachfolger. Und die Erklärung, die ich am häufigsten höre, lautet: „Es gibt einfach niemanden.“

Das stimmt, aber nur zur Hälfte.

Denn das eigentliche Problem ist tiefer. Es ist demografisch. Es ist kulturell. Und es ist strukturell. Wer das nicht versteht, wird auch in Zukunft keinen Nachfolger finden.

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache

Während 2018 noch 57 % der Unternehmer eine familieninterne Nachfolge anstrebten, hat sich dieser Anteil bis 2025 auf unter 42 % reduziert. Der demografische Wandel verschärft diese Lücke Jahr für Jahr. Für insgesamt rund 186.000 Unternehmen steht laut IfM Bonn in den kommenden fünf Jahren eine Nachfolge an, doch trotz steigender Zahl übergabewilliger Inhaber stagnieren die tatsächlichen Übergaben.

Warum? „Grund für die Stagnation ist die schlechtere Ertragslage, mit der viele Unternehmen konfrontiert waren. Dies führt dazu, dass sich eine Übernahme aus Sicht von Nachfolgeinteressierten seltener lohnt“, so Dr. Markus Rieger-Fels vom IfM Bonn.

Das ist der eine Teil der Wahrheit. Der andere Teil ist unbequemer.

Die neue Generation: Interesse ja, aber zu anderen Konditionen

Man hört oft: „Die Jungen wollen einfach nicht mehr.“ Das ist falsch. Und das ist die eigentlich gefährliche Vereinfachung.

40 % der jungen Menschen in Deutschland zwischen 14 und 25 Jahren können sich eine Unternehmensgründung vorstellen, 11 % planen dies sogar konkret. Und laut KfW-Gründungsmonitor geben 36 % der 18- bis 29-Jährigen an, lieber selbstständig als angestellt zu sein.

Das Interesse ist da. Aber zwischen Interesse und Handlung klafft eine riesige Lücke.

Gerade die Generation Z, die Freiheit sucht, aber Stabilität schätzt, zeigt laut KfW-Analyse häufig ein geringes Vertrauen in die eigene unternehmerische Kompetenz. Die Folge: Der Wunsch bleibt, aber der Schritt zur Umsetzung wird vertagt.

Dazu kommen strukturelle Barrieren, die ich in meiner Beratungspraxis immer wieder sehe: Sechs von zehn Gründungsinteressierten geben an, dass ihnen das notwendige Eigenkapital fehlt. Übernahmen bestehender Unternehmen scheitern oft genau daran, an Bewertungen, die für eine junge Generation ohne generationelles Erbe schlicht nicht finanzierbar sind.

Was die junge Generation wirklich will

Die Gen Z sucht nicht nach Hierarchien oder Firmenwagen, sondern nach Sinn, Selbstverwirklichung und Unabhängigkeit. Viele möchten mitgestalten statt funktionieren, sich selbst verwirklichen statt verwalten.

Das ist kein Angriff auf den Mittelstand. Das ist eine Realitätsbeschreibung, mit der Übergeber umgehen müssen.

Aus meiner Beratungspraxis sehe ich es immer wieder: Viele Übergeber warten auf den klassischen Nachfolger, jemanden, der so tickt wie sie selbst, mit ähnlichen Werten, ähnlichem Risikoprofil, ähnlicher Lebensvorstellung. Den gibt es heute seltener. Und in Zukunft noch seltener.

Eine Nachfolgegründung kommt laut IfM Bonn nur für knapp ein Viertel der Gründer in Betracht, obwohl 82 % angeben, die Option zumindest durchdacht zu haben. Letztlich scheiterten die Überlegungen meist am Finanzierungsproblem.

Das heißt: Der Markt ist nicht leer. Er ist falsch strukturiert.

Was das für den Übergabeprozess bedeutet

Nachfolge, die heute gelingt, setzt voraus, dass Übergeber drei Dinge aktiv gestalten – lange vor dem eigentlichen Prozess:

  1. Übergabefähigkeit herstellen. Ein Unternehmen, das vollständig auf den Inhaber zugeschnitten ist, ist nicht verkaufsfähig – egal wie profitabel es ist. Strukturen, Prozesse und Kundenbeziehungen müssen dokumentiert und vom Inhaber unabhängig funktionieren.
  2. Das Unternehmen für eine neue Generation attraktiv machen. Das bedeutet moderne Führungsmodelle, digitale Infrastruktur, transparente Entscheidungswege und eine Unternehmenskultur, die Mitgestaltung zulässt. Wer ein Unternehmen von 1985 mit den Strukturen von 1985 übergibt, wird 2025 keinen Käufer finden.
  3. Realistische Bewertungen ermöglichen. Eine Nachfolge scheitert nicht selten daran, dass der Kaufpreis für einen jungen Nachfolger ohne Eigenkapitalbasis nicht finanzierbar ist. Wer sein Lebenswerk zu Marktpreisen verkaufen will, muss auch akzeptieren, dass der Markt sich verändert hat.

Fazit

Das Nachfolgeproblem in Deutschland ist kein vorübergehendes Phänomen. Es ist das Ergebnis eines demografischen Wandels, eines kulturellen Wertewandels und jahrelang verschleppter Vorbereitung auf Seiten der Übergeber.

Die junge Generation ist nicht desinteressiert. Sie ist anspruchsvoller, und das zu Recht.

Wer als Unternehmer heute 55 ist, hat noch die Wahl. Wer wartet, bis er 65 ist, hat sie oft nicht mehr. Nachfolge ist kein Ereignis, das man plant, wenn die Zeit gekommen ist. Es ist ein Prozess, der heute beginnen muss.